„Ich gehe dann mal in den Unterricht“ - Stefan Schwartze absolviert Praktikumstag in Baumschule

Mit dem Minischlepper im Einsatz
Mit dem Minischlepper im Einsatz

Kreis Herford. Das Wetter ist gut, nicht zu kalt und nicht zu heiß. Und es regnet nicht, obwohl das Karl-Wilhelm Vogt sicher freuen würde. Denn geregnet hat es auch in diesem Sommer wieder viel zu wenig. Vogt ist der Inhaber der namensgleichen Baumschule und begrüßt den neuen Praktikanten am Tor der großen Halle. „Ich hatte schon einige Praktikanten bei mir, aber ein Bundestagsabgeordneter war bisher noch nicht dabei“, erklärt er leicht schmunzelnd. Er freut sich auf den Tag, und dass sich Stefan Schwartze für seine kleine Baumschule, wie er selbst formuliert, entschieden hat. „Man sieht ja öfter mal Bilder, wenn Politiker die großen Fabriken besichtigen, aber einen kleinen Betrieb wie unser, das hätte ich nicht gedacht. Ich finde das klasse“.

Stefan Schwartze, der SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Herford und die Stadt Bad Oeynhausen, hat sich für den Tag passend und ackerfest gekleidet, schließlich will er auch mit anpacken. Es ist nicht sein erster Einsatz als Praktikant oder „Intensiv-Besucher“ in einem Betrieb im heimischen Wahlkreis. In diesem Fall hatte der Bundesverband der Dienstleistungswirtschaft die Vermittlung eines Praktikums angeboten, verschiedene Branchen standen zur Auswahl. Schwartze entschied sich spontan für eine Baumschule. „Erst recht in der aktuellen Diskussion um den Zustand und Fortbestand unserer heimischen Wälder und Flora insgesamt machen die Baumschulen einen extrem wichtigen Job. Da kann ein Reinschnuppern sicher nicht schaden“, erläutert er seine Entscheidung.

Schwartze ist dankbar für solche Angebote. „Ich habe inzwischen diverse Einrichtungen besucht, Menschen bei ihrer täglichen Arbeit begleitet und mir persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag verschiedener Branchen verschafft. Persönlich komme ich bekanntlich aus der Industriemechanik, aber für meine Arbeit in Berlin ist es oft hilfreich, einen neuen Blickwinkel einzunehmen, Erfahrungen anderer kennenzulernen. Auf dem Papier sieht das immer ganz nett aus, doch erst am Band, auf dem Acker oder in der Wohngruppe werde ich mit den ganz speziellen Sorgen und Problemen kontaktiert, die einem kein Bericht und keine Dokumentation so hautnah vermitteln kann.“

Vogt erklärt dem Praktikanten den Betrieb mit aktuell 10 Mitarbeitern. Er besteht seit 1947 in zweiter Generation und bewirtschaftet ca. sechs Hektar. Produziert wird vorwiegend für den Endverbraucher und Landschaftsgärtner. 

(v.l.n.r.) Stefan Schwartze, Friedhelm Türich, Karl-Wilhelm Vogt

Bei einem ersten Rundgang zeigt Vogt die verschiedenen Teilbereiche des Betriebs und welche Arbeiten wann und wo anfallen. Friedhelm Türich ist noch dazugekommen. Er vertritt den Landesverband Westfalen-Lippe im Bund deutscher Baumschulen (BdB) e.V. und freut sich über das Interesse des Berliner Abgeordneten. Vogt und Türich schilden die Lage ihrer Branche, erläutern aktuelle Probleme des Marktes, klimatische Herausforderungen, Ein Mangel an Nachwuchs und bürokratische Auswüchse. Als Beispiel dient das Bundesnaturschutzgesetz, das nach einer zehnjährigen Übergangszeit dafür sorgen soll, dass ab dem  01. März 2020 in der freien Natur Gehölze und Saatgut nur innerhalb ihrer Vorkommensgebiete ausgebracht werden sollen. Gehölze, die beispielsweise genetisch aus Schleswig-Holstein stammen, dürften dann nicht mehr in Niedersachsen gepflanzt werden. Das Problem dabei: Welche Pflanzen sind gebietsheimisch und wo liegen die behördlich ausgewiesenen Vorkommensgebiete, aus denen Saatgut geerntet werden könnte? Das alles ist nach Ansicht von Vogt und Türich noch nicht verlässlich geregelt, doch die Zeit läuft.

Nach einem Kaffee geht dann die Arbeit los. Schwartzes erste Aufgabe ist die Vorbereitung von Setzlingen. Die beiden Mitarbeiterinnen erklären ihm, was zu tun ist und warum. Sie sagen, sie machen hier den ganzen Tag Babys und lachen dabei. 

Das Vorbereiten der Setzlinge

Später dann pflügt Schwartze auf einem Minischlepper das Unkraut zwischen den Strauchreihen auf einem Feld. Er hilft beim „Umtopfen“ eines Baumes, der aufgrund seiner Größe nur noch mit dem Gabelstapler angehoben werden kann und bekommt gezeigt, wie mit dem Ballenschneider ein kleines Bäumchen in Handumdrehen aus dem Boden gelöst wird. 

Beim Umtopfen hilf Eseas Gaja, ein Mitarbeiter aus Eritrea. Vogt ist froh, dass er ihn im Team hat. „Er ist engagiert, kann zupacken. Nach einem zweiwöchigen Praktikum wusste ich, dass das was werden könnte. Seit Ende Februar ist er bei uns, und wir hoffen, dass er bald eine Ausbildung bei uns machen kann. Azubis hatten wir hier nämlich schon lange nicht mehr, es gibt einfach keine geeigneten Interessenten mehr. Und die Herkunft ist mit egal. Hauptsache, die Leute sind engagiert und zuverlässig“, betont er. 
Hier braucht es mehrere Hände: Umtopfen im größeren Stil.

Für Schwartze war der Tag ereignis- aber vor allem erkenntnisreich. „Ich habe hier einiges gelernt, aber mehr noch erlebt, welche wertvolle und wichtige Arbeit die Baumschulen leisten. Ohne sie sähe es im Gartencenter ziemlich kahl aus, und ihr Wissen und ihre Expertise ist besonders in Zeiten des klimatischen Wandels sind unerlässlich, um unsere Flora langfristig dafür wappnen zu können.

Karl-Wilhelm Vogt empfindet den Tag ebenfalls als gelungen. „Ich habe auch so einiges über die tägliche Arbeit eines Bundestagsabgeordneten erfahren. Vor allem das Arbeitspensum finde ich wahnsinnig. Was bin ich froh, dass ich da meine Bäume habe“, sagt er verschmitzt.

Und Schwartze? Der ist „nach Feierabend“ noch auf zu einem Abendtermin. Aber auch gern bereit für ein neues Praktikum in einer anderen Branche. Interessierte Betriebe dürfen sich gern melden.

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